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Waidmühle Ballstädt

Waidmühle Ballstädt und die „Freunde des Waids“

Klaus Wittich

 

Waid – eine Erfolgsgeschichte

Farbe ins Leben zu bringen, dieser Wunsch ist wohl so alt wie die Menschheit selbst. Im Nahen Osten waren bereits vor rund dreitausend Jahren rote und blaue Farbakzente in Mode. Bei Ausgrabungen 1959 in Israel fand man noch gut erhaltene Wollfetzen. An den blauen Wollfäden fanden die Wissenschaftler Farbstoffe, die mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Färberwaid (Isatis tinctoria) entstammen.

Dieser Färberwaid ist eine alte Kulturpflanze, die im mittelalterlichen Europa zur Gewinnung des blauen Farbstoffs, später Indigo genannt, angebaut wurde. Die Pflanze stammt aus den Steppengebieten des Kaukasus. In Deutschland hat der Anbau von Färberwaid seit dem 9. Jahrhundert vor allem in Thüringen eine lange Tradition. Als des „Thüringer Landes goldenes Vlies“ begründete er im Mittelalter den Reichtum des Landes. Das trockene und warme Klima des Thüringer Beckens mit seinen kalkhaltigen, tiefgründigen Böden begünstigte die Erzeugung von Färberwaid mit hoher Qualität. Auch die zentrale Lage des Thüringer Beckens mit seiner Anbindung an wichtige Handelsstraßen in Ost-West- und Nord-Süd-Richtung hat den Anbau gefördert.

Lange Zeit war der Färberwaid die einzige Quelle zum Blaufärben von Textilien in Europa. Mit der Einführung des billigeren Naturindigos aus Asien, der aus Indigofera-Arten (Strauch) gewonnen wird, ging der Anbau von Färberwaid im 17. Jahrhundert immer mehr zurück, denn dieser Strauch besitzt gegenüber dem Färberwaid die sechsfache Wirkungsbreite.

Das endgültige Aus kam mit  der Entwicklung der Indigosynthese durch die chemische Industrie gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Ballstädt war in diese Entwicklungen fest eingebunden und hatte natürlich eine Waidmühle. 

 

Wo hat die Waidmühle in Ballstädt vermutlich gestanden?

Zum Standort der Waidmühle im Mittelalter wurden bis jetzt keine urkundlichen Hinweise gefunden. Bei einem Besuch im Katasteramt in Gotha und bei der Suche nach alten Flurkarten der Gemarkung Ballstädt fand sich eine Flurkarte von 1924, die heute noch volle Gültigkeit besitzt. Ein Glücksfall, denn auf der Karte ist im Flurstück 104/1 der Name „Der Waidhof“ eingetragen. Es liegt nahe, dass dort der ehemalige Standort der Waidmühle war. Zudem liegt dieses Flurstück in der Nähe des Rinnborns (Quelle). Die Standorte für Waidmühlen wurden so gewählt, dass diese sich in der Nähe eines Bachlaufes oder anderem Gewässer befanden. Nach der Waidernte wurden die veschmutzten Waidblätter zuerst gewaschen, getrocknet und erst dann auf der Waidmühle weiterverarbeitet. Der Erdfallgraben, der damals auch durch den Zufluss vom Rinnborn wahrscheinlich noch ausreichend Wasser führte, verläuft auch durch dieses Grundstück. 

 

Warum steht auf dem Querbalken die Jahreszahl 1378?

Die Zahl 1378 wurde aus folgendem Grund gewählt. Aus den Ballstädter Archiven gab es keinerlei Hinweise auf den Bau der Waidmühle. Aber im Staatsarchiv in Gotha liegt das Verzeichnis  „Registrum Dominorum Marchionum Missensium“. Aus diesem Verzeichnis geht hervor, dass die Landgrafen von Thüringen und die Markgrafen zu Meissen Anspruch hatten auf jährliche Einkünfte aus dem Waidanbau. Für das Jahr 1378 wird dort ausgewiesen, dass auch Ballstädt im Amt Gotha für jeden mit Waid bestellten Acker 2,5 Solidos Waidgeld an den Landgrafen von Thüringen zu entrichten hatte (BESCHORNER, 1933, S.20). Erst im Jahre 1761 gestattete Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha und Altenburg den Kanzleidörfern des Amtes Gotha und allen übrigen waidanbauenden Dörfern, ihren erzeugten Waid nach Martini selbst zu verarbeiten, zu verküpeln und zu vertreiben. 

Was ist aus der Ballstädter Waidmühle geworden?

Die historische Waidmühle von Ballstädt erwachte 2012 aus ihrem Dornröschenschlaf. Entdeckt wurde „Dornröschen“ schon 2006 durch Lutz Allstedt, denn er fand damals die originalen Reste der Ballstädter Waidmühle. Ausgangspunkt waren die zwei halbrunden Tennensteine, die bis 2013 am Anger lagerten. Der Tennenstein mit einem Durchmesser von 340 cm und einer Höhe von 30 cm ist das einzig übriggebliebene Teil der ehemaligen Waidmühle. Das Alter der Tennenstein-Hälften muss aufgrund der Erwähnung (siehe oben) mehr als 600 Jahren betragen. Es sei angemerkt, dass der Tennstein nicht zerbrochen ist, sondern von vornherein in zwei Teilen gefertigt wurde, denn sonst wäre ein Transport auf Grund seines Gewichtes schwierig gewesen.

 

Nach dem Abbau der ehemaligen Waidmühle im 17. oder 18. Jahrhundert fanden die zwei Sandsteinpfosten, das Läuferrad und der Tennenstein irgendwo Verwendung in baulichen Anlagen im Dorf. Gesichert ist, dass der Tennenstein zuerst als Brückenauflage in der Krummen Gasse Verwendung fand und danach als Auf- und Abfahrt für die 1912 gebaute Fuhrwerkswaage am Anger diente. Zum Verbleib der zwei Sandsteinpfosten und des Läuferstein gibt es leider keine gesicherten Hinweise.

Nach dem Abbau der Fuhrwerkswaage lagen diese Tennenstein-Hälften mehrere Jahre auf und zuletzt neben dem Anger. Sie wären wohl bald entsorgt worden, wenn es nicht beherzte Ballstädter Bürger wie z.B. Horst Dünkel gegeben hätte, die sich gegen die vom damaligen Bürgermeister geplante Entsorgung einsetzten.

 

Lutz Allstedt war schon seit vielen Jahren mit dem Gedanken befasst, dass es möglich sein könnte, mit diesem Tennenstein die ehemalige Waidmühle wieder aufzubauen. Seine Idee „Rekonstruktion - Historischen Waidmühle - Ballstädt“ wurde in einem Manuskript festgehalten, das Lutz Allstedt, Ilse Wolfram und Hartwig Stüber unterzeichneten. Am 4.2.2012 erfolgte die Vorlage des Manuskriptes beim damaligen Arbeitskreis Dorferneuerung und wurde auch im Gemeinderat diskutiert. Schließlich erfolgte die Aufnahme des Projektes in die Dorferneuerung, sodass die Planungsgruppe 91 aus Gotha einen Kostenaufwand für die Wiederherstellung der Waidmühle in Höhe von 50.000 € veranschlagte. Diese hohe Summe stand im Widerspruch zu den bisherigen Nachforschungen von Klaus Wittich, der Mitglied der Arbeitsgruppe war und für die Wiederherstellung 10.000 € ermittelt hatte. Damit wurde das Projekt Waidmühle aus der Dorferneuerung herausgenommen.

 

Auf die Rekonstruktion der Waidmühle sollte aber nicht verzichtet werden. Dieser Meinung waren noch viele andere aktive Ballstädter, und es war klar, dass diese Aufgabe nur mit Hilfe der Gemeinde und des Ballstädter Traditionsvereins e.V. (BTV) zu lösen war. Am 22.9.2013 fand die erste Baubesprechung mit der damaligen Bürgermeisterin statt. Dann ergriff Klaus Wittich die Initiative und leitete die gesamten weiteren Arbeiten zum Wiederaufbau der Waidmühle. Auch Lutz Allstedt begleitete aufmerksam und aktiv das Geschehen. 

Zuerst musste Geld beschafft werden. Dazu erfolgte im Juni 2013 die erste Kontaktaufnahme mit der damaligen Ministerpräsidentin Frau Lieberknecht mit der Bitte um finanzielle Unterstützung für dieses Vorhaben. Andere Kontakte folgten mit Institutionen, Betrieben und Einrichtungen im Kreis Gotha. Sie waren so erfolgreich, dass wir bald alle notwendigen Mittel für diese historische Mission zusammengetragen hatten. Zur Finanzierung hat auch die Gemeinde Ballstädt erheblich mitgeholfen, indem sie insbesondere bei Fördermitteln den notwendigen Eigenanteil sichergestellt hat.

Für den Standort der Waidmühle gab es zwei Grundstücke zur Auswahl, ersteres östlich neben der Seltenbrücke/Hauptstraße (Standort des ehemaligen Trafohauses). Dieses Grundstück war zwar gut einzusehen, aber nicht groß genug und zu nah an der Hauptstraße. Daher wurde das  Gemeindegrundstück an der Unterschwemme als Standort gewählt. Die Vorschriften der Unteren Wasserschutzbehörde bezüglich eines Mindestabstandes von sechs Metern zur Unterschwemme und deren Abfluss konnten eingehalten werden.

 

Die Organisation zur Herstellung der zwei Sandsteinpfosten und des Läuferrades  war umfangreicher als gedacht. Es wurden drei Angebote von Thüringer Firmen, eines aus Sachsen und ein Angebot aus Polen eingeholt. Den Zuschlag bekam das Travertinwerk „TRACO“ in Bad Langensalza. Wir legten Wert darauf, dass die fehlenden Teile aus Seeberger Sandstein, aus dem auch der vorhandene Tennenstein gefertigt worden war, hergestellt werden sollten. Die Firma TRACO ist im Besitz des Seeberger Steinbruchs. 

 

Für die Holzteile - Querbalken, Vertikalbalken und Läufersteinquerbalken - konnten wir auf die schon lange vorher zugesagte Unterstützung von Rolf Bärwolf, Bürgermeister der Gemeinde Molschleben, zurückgreifen. Der 120 Jahre alte Lärchenbaum aus dem Molschleber Gemeindewald wurde im Sägewerk Egon Threyse aus Burgtonna zugeschnitten.

Für den Schriftzug auf dem Querbalken „1378 Waidmühle 1914“ hat uns Wolfgang Möller -Holzschnitzkunst/Steinmetz aus Friedrichroda - großzügig, d.h. unentgeltlich unterstützt, nachdem Lutz Allstedt die Schriftschablonen angefertigt und Barbara Dünkel die Schriftzeichen auf den Querbalken appliziert hatten. 

Da zu diesem Zeitpunkt die Projekte Feuerwehrgerätehaus und Wegebau am Eselsstieg durchgeführt wurden, bekamen wir von den Firmen großartige Unterstützung beim Aufbau der Waidmühle. Den Transport der zwei halbrunden Tennensteine sowie die Schachtarbeiten übernahm die Firma STRABAG AG (Bauleiter Peter Schmidt). Für das fachmännische Setzen der zwei Pfosten half die Firma Herzog-Bau GmbH aus Gräfentonna. Den Transport und das Aufstellen des eine Tonne schweren Läufersteins und des Sandsteintisches übernahm ein Schwerlastkran der Agrargenossenschaft E.G. aus Warza. Aber auch viele private Helfer unterstützten mit ihren Maschinen oder mit Materialien den Wiederaufbau. 

Am 24.10.2014 konnte das Richtfest stattfinden. Das war auch der Zeitpunkt, zu dem sich die „Freunde des Waids“ unter diesem Namen zusammenfanden. 2022 sind es ca. 23 Mitglieder. Für den gesamten Wiederaufbau der Waidmühle waren ca. 12.200 € ausgegeben worden.

 

Bild 5: Richtfest am 24.10.2014 mit folgenden Anwesenden: Horst Dünkel, Birgit Meier, Sieglinde Möller, Rosemarie Breithaupt, Erika Reisser (Bürgermeisterin), Wolfgang Möller, Jürgen Picht, Jörg Illhardt, Lutz Allstedt, Inge Stüber, Rolf Bärwolf (Bürgermeister von Molschleben), Klaus Wittich, Hans Hollasch, Barbara Dünkel, Ronny Lindemann, Hartwig Stüber, Martha Wittich, Pierre Pett.

 

Schon am 13.9.2015 – das war zum „Tag des offenen Denkmals“ - hatten die „Freunde des Waids“ das erste Waidfest organisiert und gefeiert.

Bis zum Jahr 2019 wurden bereits fünf Waidfeste durchgeführt, an denen jeweils eine „Waidprinzessin“ teilnahm. Durch die Coronavirus-COVIT-19-Pandemie fiel 2020 und 2021 das Waidfest aus. 

Zu den Waidfesten wird erklärt und vorgeführt, wie im Mittelalter die Waidbauern den Waid angebaut, verarbeitet und verkauft haben.

Höhepunkt der Vorführungen sind das Quetschen der grünen Waidblätter mit dem Kaltblutpferd des Bauern  Kley aus Westhausen und das Färben von Textilien. Das letztere folgt nicht der alten Tradition, die zum Färben das Waidpulver (aus den getrockneten und gemahlenen Waidballen) verwendete. Stattdessen werden zum Waidfest frische Waidblätter verwendet. Sie werden mit kochendem Wasser überbrüht und müssen ca. 30 Minuten in siedendem Wasser liegen. Spannend ist der Vorgang, wenn z.B. das weiße Oberhemd hineingetaucht wird und grün heraus kommt. Erst durch den Sauerstoff der Luft wird es dann wirklich blau.

 

Der Waid wurde zunächst von Klaus Wittich auf seinem eigenen Feld angebaut. Später wuchs er auf dem Feld von Hartwig Stüber. Inzwischen kann er direkt hinter der Waidmühle auf Gemeindeland (früher Gemeindegärten) wachsen.

 

Hinweis: Wer sich über die Biologie und den Anbau von Waidpflanzen und die große Bedeutung, die der Waidanbau in Thüringen hatte, interessiert, dem sei das Buch „Blaues Gold“ (ein Erfurter Waid-Roman) von Alice Frontzek empfohlen.

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