Bahnhof Ballstädt
150 Jahre Bahnhof Ballstädt
Klaus Wittich
Die Eröffnung der Bahnlinie
Nach langem politischen Tauziehen um den Verlauf der zu bauenden Bahnlinie, das hier im Einzelnen nicht weiter ausgeführt werden soll, konnte der Streckenabschnitt Gotha-Langensalza-Mühlhausen am 11.4.1870 in Betrieb genommen werden. Somit feierte im Jahr 2020 unser Bahnhof Ballstädt seinen 150. Geburtstag.
Feierlich eröffnet wurde die neue Bahnlinie durch die Thüringische Eisenbahn-Gesellschaft (ThEG) schon am 9.4.1870. Das muss ein großes Event gewesen sein, denn im „Mühlhäuser Anzeiger“ fand sich dazu folgende amtliche Bemerkung:
„Zur feierlichen Eröffnung der Bahnstrecke Gotha -Langensalza -Mühlhausen wird am Sonnabend, den 9.ds. Mts. ein besonders arrangierter Festzug, welcher 10 ½ Uhr von Gotha abgeht und gegen Mittag hier eintreffen wird, stattfinden. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung wird bestimmt, daß an diesem Tage die zu passierenden Fuhrwerke durch die Klinge, und die von der Bahn zur Stadt fahrenden durch das Bollstedter und Erfurter Thor ihren Weg nehmen.
Mühlhausen, den 7. April 1870
Die Polizeiverwaltung, der Oberbürgermeister Engelhard“
Über den Verlauf und die Stimmung des Festtages kann man dort auch lesen, dass „... zur Würdigung des Tages, an welchem unsere Vaterstadt (Mühlhausen, Anm. d. Red.) in das Netz der deutschen Eisenbahnverbindungen aufgenommen ist, die Türme und viele Häuser Fahnenschmuck tragen“. Auch der noch unvollendete Bahnhof in Mühlhausen war mit Fahnen, Girlanden, Wimpeln und Tannengrün geschmückt. Die Gäste wurden früh 7:30 Uhr mit einem Zug nach Gotha abgeholt, der stark besetzt war und an den Zwischenstationen (Anm. d. Red.: bestimmt auch in Ballstädt) noch zahlreiche Festteilnehmer aufnahm. Es war herrliches Frühlingswetter. Der Zug wurde in Gotha mit Musik und einer zahlreichen Menschenmenge begrüßt, worauf der Staatsminister von Seebach dem Oberbürgermeister Dr. Engelhard sowie dem Bürgermeister Cramer von Langensalza für ihre Verdienste um die Bahn „die Insignien des Ernestinischen Hausordens“ überreichte. Um 10:30 Uhr fuhr der Zug, in welchem sich das Direktorium der ThEG und der Regierungspräsident v. Klotz befanden, mit „... der begränzten „ Mühlhausen“ getauften Locomotive und sinnreich decorierten Waggons von Gotha ab und wurde auf allen Zwischenstationen lebhaft begrüßt. Gegen 12 Uhr verkündeten Böllerschüsse seine Ankunft in Mühlhausen, wo der Festzug von dem zahlreichen Publikum lebhaft begrüßt wurde.“
Dieser Bericht der Lokalzeitung enthält auch den ersten Fahrplan, hier ein Auszug:
Stationen | Abfahrtszeiten | |
| Vormittags | Abends |
Gotha | 10 Uhr 15 Min. | 7 Uhr - Min. |
Ballstädt | 10 Uhr 40 Min. | 7 Uhr 25 Min. |
Langensalza | 11 Uhr 5 Min. | 7 Uhr 50 Min. |
Großengottern | 11 Uhr 24 Min. | 8 Uhr 8 Min. |
Mühlhausen | 11 Uhr 42 Min. | 8 Uhr 26 Min. |
Der Fahrpreis betrug von Ballstädt nach Gotha in der I. Klasse 10 Sgr., in der II Klasse 7 Sgr. und in der III. Klasse 5 Sgr.. (Hinweis: Sgr. bedeutet Silbergroschen)
Am 3.10.1870 wurde dann auch die Verlängerung der Bahnstrecke bis nach Leinefelde freigegeben. Somit kamen die Bahnhöfe Dachrieden, Silberhausen und Leinefelde dazu. Insgesamt war es eine Bahnstrecke von 67,10 km Länge. Erst später kamen weitere Bahnhöfe dazu: 1887 Seebach, 1890 Bufleben, 1891 Schönstedt, 1893 Gotha-Ost, 1894 Eckhardtsleben, 1896 Birkungen, 1908 Breitenbich.
Im Heimatmuseum in Bad Langensalza findet man viele interessante Hintergründe und Fotos zum damaligen Bahnbauprojekt. Einige davon dürfen wir hier abbilden um zu verdeutlichen, was der Bau dieser Strecke damals für eine gewaltige Leistung war.
Und nun speziell zum Bahnhof Ballstädt
Der Bahnhof Ballstädt wurde schon 1870 eingerichtet. Mit Bau der Nebenbahn nach Gräfentonna-Herbsleben 1898, die später bis Straußfurt verlängert wurde, erfuhr er einen größeren Umbau.
Das Empfangsgebäude ist ein zweigeschossiger Ziegelrohbau mit angebautem Güterschuppen, dem stirnseitig eine Rampenanlage vorgelagert ist. Südlich des Empfangsgebäudes wurde ein großer Warteraum mit Ofenbeheizung angebaut. Das Stellwerk Bs befindet sich (2022 sind tatsächlich die alten Einrichtungen noch dort vorhanden) in einem bahnsteigseitigen Anbau vor dem Empfangsgebäude. Das zweite Stellwerk Bn mit Lagerraum, 1889/90 erbaut, befand sich ca. 300 m nördlich vom Bahnhof und ist inzwischen bis auf den Lagerraum abgerissen. Auf dem Bahnhofsvorplatz befanden sich ein Abortgebäude mit kleinem Stallraum und ein Brunnen. Alle Gebäude hatten flache Pappdächer. Bahnsteige und Ladestraße waren mit Kies befestigt, die Kanten aus Sandstein massiv ausgebaut.
Der Bau der Zweigbahn inspirierte auch anderweitig geschäftstüchtige Leute. So errichtete der Zimmermeister Louis Wolf aus Warza eine Restauration am Bufleber Bahnhof. Am Bahnhof Ballstädt errichtete Herr Kettenborn ebenfalls eine Restauration mit Saal und Tanzdiele sowie Stallungen einschließlich Scheune mit Fuhrwerkswaage. Später wurde die Gaststätte von Herrn Seeberger aus Riednordhausen bewirtschaftet. 1904 kaufte mein Großvater, der Gutsverwalter Wilhelm Wittich aus Freienhagen/Lispenhausen die Restauration lt. Urkunde vom Amt Tonna für 30.000 Mark. Zuletzt war Martha Wittich die Inhaberin des Gasthofes.
Mit Hilfe des Einwohnerbuches von 1927 und aus vielen eigenen Recherchen unter Mitwirkung von Angelika Dörfler konnte ich eine Liste von Angestellten der Deutschen Reichsbahn am Ballstädter Bahnhof von 1927 bis 2000 erstellen. Interessierte finden diese Aufstellung im Stadtmuseum Bad Langensalza.
Bau der Nebenbahn Ballstädt-Staßfurt
1887 begann man mit den Vorarbeiten des Abschnitts Ballstädt-Herbsleben. Die großen Höhenunterschiede von Ballstädt bis Burgtonna und von Gräfentonna bis Döllstedt verursachten einige Probleme. Die feierliche Eröffnung der 16,68 km langen Strecke fand am 15.12.1889 statt. Die 4,59 km lange Strecke von Herbsleben nach Tennstedt wurde am 17.07.1895 in Betrieb genommen.
Am 1.6.1906 wurde die 11,23 km lange Strecke von Tennstedt bis Straußfurt eröffnet.
Diese Nebenbahn durfte mit einer Geschwindigkeit von 30 km/h befahren werden.
Mit der Fertigstellung der Nebenbahn Ballstädt-Straußfurt hatte der Bahnhof Ballstädt sieben Gleise.
Gleis 1 liegt am direkt am Bahnhofsgebäude und wird von Reise- und Güterzügen genutzt. Es führte in seiner nördlichen Verlängerung als Streckengleis in Richtung Straußfurt.
Gleis 2 ist das durchgehende Hauptgleis am Zwischenbahnsteig.
Gleise 3, 4 und 5 befanden sich westlich des Gleises 2. Sie wurden 1946 abgebaut.
Gleis 6 war Verkehrs- und Abstellgleis.
Gleis 7 war Ladegleis an der Ladestraße mit Rampe am Güterschuppen (Gleis und Schuppen sind noch vorhanden).
Dass der Zug aus Richtung Burgtonna den Spitznamen „Bussel“ trug, lag wohl daran, dass man ihn schon von weitem mit seinem Schnaufen hörte, denn nach Ballstädt ging es mit einer Steigung von 1:40 hoch.
Die Strecke bis Gräfentonna wurde 1947 stillgelegt, abgebaut und die Oberbaustufe als Reparationsleistungen in die Sowjetunion verbracht. In den 1990er Jahren wurde der Güterverkehr in Ballstädt eingestellt und die entsprechenden Gleise zurückgebaut.
Nach der Stilllegung der Nebenstrecke Ballstädt-Straußfurt übernahm 1948 Emil König aus Gräfentonna den Personenkraftverkehr. Nach 1953 führte sein Sohn Walter König den Personenverkehr weiter. Der erste Bus war ein 36er Opel mit Holzaufbau.
Der Bus fuhr die Strecke von Kleinvargula, Großvargula, Gräfentonna, Burgtonna zum Bahnhof Ballstädt. Die Strecke wurde morgens und abends zu den Arbeiterzügen je zweimal mit ungefähr 25 bis 30 Personen befahren. Oft gab es im Winter Behinderungen durch Schneeverwehungen auf der Bahnhofstraße. Somit mussten die Leute oftmals vom Triftkopf bis zum Bahnhof laufen.
Die Schneeräumung erfolgte bis ca. 1950 mit einem Schneepflug aus Holz, dem vier bis sechs Pferde vorgespannt waren, später mit Motorkraft.
Ab 1973 übernahm der VEB- Kraftverkehr Bad Langensalza, ab 1974 der VEB-Kraftverkehr-Mühlhausen den Personenverkehr.
An dieser Stelle soll nicht vergessen werden, dass noch bis in die 1970er Jahren morgens und abends regelrechte „Völkerwanderungen“ zum und vom Bahnhof erfolgten, denn man fuhr mit der Bahn u.a. zur Arbeit und auch oft nach der Klasse 8 zu weiterführenden Schulen nach Gotha.
Umbau des Ballstädter Bahnhofs
1998/99 wurde die gesamte Bahnstrecke Gotha-Leinefelde umgebaut. Der gesamte Oberbau, d.h. der gesamte Schotter, die Gleise, Bahnsteige und Signalanlagen wurden erneuert. Zwei Bahnsteige wurden erhalten. Auf Gleis 2 passiert mit 160 km/h der Regionalexpress (Baureihe 612) Glauchau-Göttingen, sodass eine Unterführung gebaut werden musste.
Die Umbauten wurden im Auftrag der DB-Netz 21 Erfurt durch die Firma Stutz und Co KG-Tief und Straßenbau AG-Arge durchgeführt. Die gesamte Bahnstrecke, d.h. alle Signale, Lautsprecheranlagen usw., werden vom Bahnhof Leinefelde aus gesteuert.
Die Bahnstrecke Gotha-Leinefelde wurde vom Land Thüringen als „ÖPNV-Musterstrecke Nr.1“ für Neigetechnik bis 160 km/h ausgebaut, denn dadurch können die Züge in Kurven ihre Höchstgeschwindigkeit beibehalten.
Kampf um einen Bedarfshaltepunkt
2017 standen 40 Bahnhalte in Thüringen auf dem Prüfstand. Das Land wollte das Potenzial für 12 Strecken mit weniger als 500 Nutzern pro Werktag ermitteln.
Dazu zählte auch die Strecke Gotha-Bad Langensalza. Die Prüfung ergab, dass an den Haltepunkten Bufleben, Ballstädt und Eckardtsleben weniger als 20 Fahrgäste pro Tag ein- und aussteigen.
Ballstädt hatte ein geringes Eigenpotential an Fahrgästen, die Zugangsstelle liegt relativ weit (ca. 1 km) vom Ortskern entfernt, eine Busanbindung ist für Ballstädt von Montag bis Freitag sicher gestellt – all das waren „negative Vorzeichen“ für einen Bahnhalt. Dieser Haltepunkt sollte daraufhin geschlossen werden.
Das hat mich bewogen, dagegen etwas zu unternehmen, damit die Ära unseres Bahnhofes nicht zu Ende geht. Schließlich war unser Bahnhof mit seinen sieben Gleisen sowie seiner Anbindung an die Strecken Gotha-Leinefelde und Ballstädt-Straußfurt einst ein bedeutender Bahnhof. Solch ein Bahnhof ist auch ein Stück Dorfgeschichte und Bestandteil unserer Landeskultur.
Mit diesen Worten richtete ich am 17.11.2017 ein Schreiben an den Ministerpräsidenten Bodo Ramelow und an das Landratsamt Gotha.
Von beiden Seiten bekam ich die erfreuliche Antwort, dass der Haltepunkt Ballstädt vorerst bis 2022 erhalten bleibt.
Bei Redaktionsschluss können wir hoffen, dass er auch für die darauffolgenden Jahre nicht gestrichen wird, denn mit dem Blick auf umweltschonenden Verkehr könnte er vielleicht eine neue Blüte erleben.







